Eine ganz neue Künstler_innenkolonie (artist activism)

PROLOG – EIN PERSÖNLICHES ODER EIN STRUKTURELLES PROBLEM?

Ich bin Künstlerin und setze mich in meiner Arbeit mit Räumen auseinander. Ich lebe und arbeite in Darmstadt und muss Ende 2025 aus meinem Atelier ausziehen, weil das Haus verkauft wird. Die bekannten Probleme auf dem Wohnungsmarkt habe ich 1:1 bei der Suche nach bezahlbarem Atelierraum: Seit 9 Monaten suche ich nun schon einen Raum zum Arbeiten und zum Lagern von Material und Werk (20 qm, Miete bitte im Mietspiegel). Gesucht habe ich in der Darmstädter Kunstszene, im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Göbel-Fabrik, im Maker-Space, Bauverein, Kleinanzeigen, Immobilienscout. Ich habe Aushänge gemacht, Anzeigen geschaltet, bin durch Darmstadt gefahren und habe nach Leerstand gesucht, habe Aushänge an Läden abtelefoniert und habe beim Kulturamt nachgefragt. Alles ohne Erfolg. (Brand- schutzabschnitt nicht teilbar, weit, weit über dem Mietspiegel, feucht, ohne Tageslicht und trotzdem teuer, usw.).


Einige Bilder der Ateliersuche. Gute Räume, aber durchweg weit über dem Mietspiegel oder nicht vermietbar. © Inna Wöllert, Karwath+Todisko März – November 2025

Was mir bei meiner Recherche aufgefallen ist: Es gibt gute Räume! Es gibt sogar ziemlich viel Leerstand, der aus unterschiedlichen Gründen nicht vermietet wird, oder sehr weit über dem Mietspiegel liegt, also für Künstler_innen, die Wohnung und Atelier finanzieren müssen, nicht geeignet. Was mir noch aufgefallen ist: Es gibt in Darmstadt sehr wenig geförderten Atelierraum und in den wenigen geförderten Räumen gibt es kaum Fluktuation.

2021 habe ich im Atelierhaus LEW1 der Neuen Künstlerkolonie auf der Rosenhöhe gearbeitet und ausgestellt. Meine Arbeit beschäftigte sich explizit mit dem Raum des Atelierhauses. Im Zuge dessen habe ich alle Künstlerhäuser der Neuen Künstlerkolonie von außen besichtigt und angefangen dazu zu recherchieren. Zu meinem Erstaunen gab und gibt es keine Forschungsarbeit, die sich mit dem Ensemble auseinandersetzt. Es gibt einen Artikel von Sandra Kress aus dem Jahr 2017 in einer Denkmal- schutz-Fachzeitschrift, auf den sich ein Eintrag des Darmstädter Stadtlexikons stützt. Sonst nichts.


Family Table, Tisch und vier Stühle aus dem Elternhaus, LED-Strahler, Leuchtstoffröhren, Zeitschaltuhren, im LEW1, Neue Künstlerkolonie, 2021© Karwath+Todisko

2025 ist für mich das Jahr der Beschäftigung mit Leerstand (s.o.). Ich weiß, dass 4 Künstler_innenhäuser der Neuen Künstlerkolonie seit Jahren leer stehen. Ich weiß, dass sie unter Denkmalschutz stehen und dass eine Sanierung teuer ist. Ich besuche die Häuser im Frühjahr 2025 erneut und finde eines unverschlossen – die Glastür hat ein Loch, die Terrassentür steht offen, im Inneren brennt Licht. Ich gebe dem Denk- malamt Bescheid. Ein Besuch in Krefeld bei Haus Esthers und Haus Lange zeigt mir, wie mit einem architektonischen Erbe umgegangen werden kann. Hier werden zwei ehemalige Industriellenwohnhäuser (Architekt Mies van der Rohe) als Museum und Kulturort genutzt. Die Wohntypische Infrastruktur ist noch erhalten. Man kann sich also nicht nur die Ausstellungen anschauen, sondern auch die ehemalige Küche und das unveränderte Badezimmer. Und ja, wir haben in Darmstadt keinen Mies-van-der-Rohe-Bau, aber wir haben hier ein Stück Architekturgeschichte, das es zu bewahren gilt.


Besuch Museen Haus Lange Haus Esters, Krefeld, Mai 2025 © Inna Wöllert, Karwath+Todisko

Im Sommer 2025 beginne ich mit einer Aktenrecherche im Stadtarchiv Darmstadt. Mich interessiert wie es zur Entstehung der Neuen Künstlerkolonie kam. Ich sichte zwei umfangreiche Akten zu den Vorgängen der Entstehung und den ersten Vermietungen.


Aktensichtung Neue Künstlerkolonie, Stadtarchiv Darmstadt, Juli 2025 © Inna Wöllert, Karwath+Todisko

Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein, der das Grundstück für die Neue Künstlerko- lonie zur Verfügung stellt, schreibt in einer über die Neue Künstlerkolonie: „Wenn es gelänge eine Gruppe junger Künstler und Handwerker zu finden, die diese sinngemäße Wendung zur Technik und industriellen Fabrikation beispielhaft erweisen könn- ten, so wäre die Künstlerkolonie wirklich neu geworden, …“ 1
Damals stand das Thema Massenfertigung im Fokus und die „falsche Vorstellung, dass hier gut und teuer, da schlecht und billig unzertrennlich aneinander gebunden wären“ und dass diese Fehlvorstellung fallen müsse. Heute könnte man das Thema Massenanfertigung mit den Themen Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit, zirkulärem Bauen, sozialem Wohnungsbau ersetzen, die Themen unserer Zeit, von denen ange- nommen wird, dass sie zu teuer seien, die aber dringend weiter angegangen werden müssen.
Im Herbst 2025 wende ich mich an das Kulturamt, wegen Atelierflächen in der Riedeselstraße. Es sei alles voll und die Liste lang.
Im November 2025 nähert sich ein Kurs von Prof. Dr. Frank Lang und Prof. Dr. Gesa Foken des Fachbereichs Architektur der Hochschule Darmstadt der Architektur der Neuen Künstlerkolonie an. Ich besuche auf Einladung den Kurs vor Ort, spreche mit den Lehrenden und den Studierenden, mache mir ein Bild von den Häusern und Fotos. Die Häuser sind wegen des langen Leerstands in keinem guten Zustand, vor al- lem in Haus LEW13 hat sich bereits Schimmel gebildet. Ich werde eingeladen bei einem der nächsten Termine mittlerweile als „Expertin“ einige Fragen der Studierenden zu beantworten.


Besuch Neue Künstlerkolonie im November 2025 © Inna Wöllert, Karwath+Todisko

Fazit: Der aktuelle Still- und Leerstand der Neuen Künstlerkolonie steht dem ursprünglichen Ziel der Schaffung eines Arbeitsortes für Künstler_innen und dem aktuellen Ziel des Erhalts des architektonischen Erbes diametral gegenüber.



Idee zum künstlerischen Forschen und Arbeiten © Inna Wöllert, Karwath+Todisko

Ja, mein Manifest ist nicht ganz uneigennützig! Ich brauche ein Atelier! Falls es in der GANZ NEUEN KÜNSTLER_INNENKOLONIE dann noch immer zu wenig Platz gibt: Ich kenne auch noch große und günstige Büroflächen, die man als Künstler_innenhaus entwickeln könnte, etwa nach dem Vorbild der Produktions- und Ausstellungsplatt- form basis e.V. in Frankfurt. www.basis-frankfurt.de . In Sachen Leerstand, der in Atelierflächen umgewandelt werden kann, bin ich jetzt wirklich Expertin!

GANZ NEUE KK.pdf

1 Ludwig Prinz von Hessen und bei Rhein, Die Darmstädter Künstlerkolonie und ihr Gründer Großherzog Ernst Ludwig. Darmstadt: Justus von Liebig Verlag 1950. S. 48-49.